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Der Mord an der Station Mendelejewskaja

Ein Freitagabend im Jahr 2008 in Moskau: In trendig eingerichteten Bars und Restaurants leuchtete warmes Licht, und die vergnügungssüchtigen Hauptstädter strömten in die angesagten Etablissements. Robert lebte seit drei Jahren in der Stadt. Er hatte sein Studium abgeschlossen und war für seinen ersten Job nach Moskau gekommen. Ein deutsches Unternehmen, das technische Produkte herstellte, hatte ihn nach Russland geschickt, um den Markt zu erforschen und neue Kunden zu suchen.

Schnell hatte er Freunde gefunden. Oft zog er mit den Kameraden am Wochenende durch die Bars der Metropole. Dann verspürte er ein geheimnisvolles und berauschendes Gefühl der Freiheit. Das atemberaubende Tempo der großen Stadt, die Intensität der Begegnungen, die Fülle der Möglichkeiten: Jeder Tag in der Megapolis überraschte ihn mit neuen, unvorhergesehenen Erlebnissen. Sein Kompagnon in dieser schnellen Zeit war Erik, der ebenfalls aus Deutschland stammte und für eine bekannte Nachrichtenagentur tätig war.

Jetzt überquerten die beiden die Große Ustinski-Brücke und marschierten Richtung Zentrum. Ihr Ziel war das Viertel Kitaj-Gorod, das zu Fuß zirka fünfzehn Minuten in östlicher Richtung vom Roten Platz entfernt lag. Robert freute sich auf den Abend. Startpunkt der Kneipentour war das „Loveboat“. Dieses neue Lokal in der Zabelin-Straße hatte es innerhalb kürzester Zeit ganz nach oben in der Gunst des hippen urbanen Publikums geschafft. Im Loveboat wartete bereits Grischa, ein hochgewachsener Modejournalist aus Sankt Petersburg, der mit seinem eleganten Kleidungsstil auf jeder Party die Blicke auf sich zog. Die drei Freunde bestellten ihr erstes Bier und stießen auf den Abend an. Aus den Boxen klang eine eingängige Mischung aus russischen und europäischen Popsongs. Ein junger Mann im hellblauen Anzug bahnte sich seinen Weg durch die Menge und balancierte dabei geschickt vier Gläser. Frauen mit langen Haaren und noch längeren Beinen warteten an der Theke auf ihre Getränke, und ein junger Typ mit Gelfrisur, der trotz des Dämmerlichts eine markante Sonnenbrille trug, prostete ihnen von weitem zu. Die ersten Gäste reckten die Hände in die Luft und begannen zu tanzen. Die grauen Schlieren des Zigarettenrauchs trübten das rotierende bunte Licht der Scheinwerfer. Da war sie - diese spezielle Moskauer Energie, die Robert auf ihren Streifzügen immer wieder neu elektrisierte. Erik war in dieser Stimmung zu allem fähig. Jetzt gerade stellte er mit einem lauten Knall sein leeres Glas auf den Tresen, winkte die Kellnerin heran und fragte: „Hey, habt ihr hier Drogen?“ Die sympathische junge Frau lachte kurz auf und lehnte sich zu ihm herüber. „Nein, und du weißt doch, dass das hier verboten ist,“ antwortete sie mit freundschaftlichem Augenzwinkern. „Hier, noch ein Bier für dich.“ Erik nahm einen kräftigen Schluck aus dem Glas und stampfte mit dem Fuß. „Mann, ich will exzessiv leben!“ sagte er zu Robert, der lachend den Kopf schüttelte. Das war typisch Erik. Da kam Grischa. Er stellte sich lässig zwischen die beiden jungen Männer und legte jedem von ihnen kameradschaftich einen Arm um die Schultern. „Hey, lasst uns noch zu meiner Bekannten Elena fahren. Sie hat ein paar Freunde eingeladen.“ Und als hätte er Eriks Wunsch geahnt, fügte er hinzu: „Elena hat auch ein bisschen Koks.“ Er blickte jedem von ihnen kurz in die Augen. „Na, was ist - wollt ihr?“

Die drei tranken in Ruhe aus und nahmen die Jacken. Schon fünf Minuten später saßen sie in einem quietschroten Lada und waren auf dem Weg Richtung Norden. Grischa hatte den Fahrer des Wagens mit einem Handzeichen heran gewunken, das Ziel der Fahrt genannt und durch die geöffnete Fensterscheibe den Preis verhandelt. In Moskau konnte jeder Autofahrer sein Fahrzeug kurzerhand zu einem Taxi umfunktionieren. Diese alltägliche Transportlösung war für die Moskauer so normal wie das Brötchenholen am Samstag für die Deutschen. Der Lada raste die Twerskaja-Straße hinauf. Links und rechts säumten die massiven Steinpaläste der Stalinzeit die hell erleuchtete Straße, die roten Sterne der Kremltürme blitzten im Rückspiegel auf. Am Weißrussischen Bahnhof bogen sie nach rechts ab und erreichten kurz danach ihr Ziel, die Metrostation Mendelejewskaja. Für einen Augenblick musste Robert schmunzeln, denn die abgenutzte Karte des Periodensystems, die im Chemieraum seiner alten Schule hing, kam ihm in den Sinn. Die drei Freunde stiegen aus und bezahlten den Chauffeur. Die letzten Meter zu Elenas Wohnung legten sie plaudernd zu Fuß zurück. Robert achtete nicht auf den Weg.

Die Gastgeberin erwartete sie bereits in der offenen Tür. Sie schloss Grischa gleich in die weit geöffneten Arme und drückte ihm zwei dicke Schmatzer auf die Wangen. Herzlich und überschwänglich begrüßte sie ihren lieben Kameraden: „Grischenka, mein Schatz! Da bist du ja!“ Wie in engen Freundeskreisen üblich, verwandelte Elena Grischas Vornamen kurzerhand in eine passende zärtliche Koseform. Robert bemerkte sofort Elenas freche Kurzhaarfrisur und die dazu passende eckige Brille mit extrabreitem Rand. Es war nicht schwierig, ihren Job zu erraten: Sie war ebenfalls im trendigen hauptstädtischen Modejournalismus unterwegs. Elena stellte die Neuankömmlinge den Gästen vor. „Das hier ist Grischa, mein ein und alles. Ich rede ja Tag und Nacht von ihm. Und Grischa hat zwei coole Jungs aus Deutschland mitgebracht - Robert und Erik.“ Im Wohnzimmer hatten es sich zirka zehn Gäste auf einem Sofa, mehreren breiten Sesseln und auf dem Boden bequem gemacht. Auf einem Tisch an der Wand lockte eine beachtliche Anzahl von Flaschen mit alkoholischen Getränken. Rockmusik spielte im Hintergrund. Elenas Freunde nahmen das Trio mit hochgereckten Daumen und freundschaftlichen Hallos in die Runde auf. Schon wurden die ersten Drinks gemixt.

Erik und Grischa zog es in die kleine Küche. Eine fünfköpfige Gruppe hatte sich um den Küchentisch versammelt. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand Sascha, ein junger Mann mit langen schwarzen Haaren und weitem Kapuzenpulli. Sascha hatte das Kokain mitgebracht. Jetzt teilte er mit seiner Bankkarte das weiße Pulver auf dem Tisch in einige gleich lange Linien. Danach reichte er Stücke von zerschnittenen Strohhalmen herum und blickte in die erwartungsvollen Gesichter. „So, Freunde, wir sind soweit. Wer möchte mitmachen?“ fragte er. Robert war ebenfalls in die Küche gekommen, aber er lehnte dankend ab. Mit harten Drogen hatte er bis jetzt noch keine Erfahrung gesammelt, und im halbbetrunkenen Zustand damit anzufangen, schien ihm keine gute Idee. Trotzdem war er begeistert und genoss den Augenblick. „Wow! Eben haben wir noch mitten im Getümmel im Loveboat getanzt, und jetzt wird Koks geschnupftt! So etwas gibt es nur in Moskau!“ dachte er und schaute Sascha über die Schulter. Die Anwesenden beugten sich nacheinander über den Tisch und zogen das Pulver mit einem kurzen, schniefenden Geräusch durch ein Nasenloch. Erik grinste, und Robert konnte ihm seine Freude ansehen. „Vielleicht bist du später dabei. Wir haben noch mehr,“ sagte Sascha. Schon war er an der Reihe und setzte sein Strohhalmstück zum entscheidenden Zug an.

Zurück im Wohnzimmer lernte Robert die anderen Gäste kennen. Der Alkohol floss in Strömen. Robert rauchte hemmungslos Zigaretten. Wie immer verging die Zeit wie im Fluge. Musik, verrückte Nachbarn und Kollegen, die besten Clubs in Moskau, Witze aller Art – die Gesprächsthemen gingen nie aus. Irgendwann jedoch zeigte der Alkohol seine Wirkung und Robert fühlte sich erschöpft. Es wurde Zeit für ihn, nach Hause zu gehen. Robert suchte Elena im Gedränge. Er bedankte sich für den Abend und verabschiedete sich von allen. Auf 30 Minuten schätzte er den Fußweg bis zur Wohnung in der Bolschaja Ordynka Ulitsa. „Zuerst zum Roten Platz und dann am Kreml entlang über die Moskwa“. Für Erik und Grischa hingegen war der Abend noch lange nicht zu Ende. Das Kokain entfaltete seine Wirkung. Arm in Arm wankten die beiden durch die Wohnung, sangen und reckten die Arme in die Höhe.

Robert trat aus der Haustür. Die frische Frühlingsluft hatte sich kaum abgekühlt. Nach einigen wenigen Schritten schnitt ihm plötzlich ein Polizist den Weg ab. Eine grelle Taschenlampe blendete ihn. „Guten Abend, zeigen Sie bitte Ihren Pass.“ Robert spürte den Alkohol. Er schwankte leicht. „Drei Jahre lebe ich schon in Moskau, und das ist die erste Polizeikontrolle auf offener Straße – warum gerade jetzt?“, dachte er, als er dem Beamten seinen Pass überreichte. Zum Glück hatte er seinen Ausweis im letzten Moment, gerade als er die Haustür zuzog, von der Kommode im Flur geschnappt und eingesteckt. Robert fühlte sich unwohl und wollte weg. Seine russischen Bekannten hatten ihm schon oft erzählt, wie sehr ihnen Kontakte mit der Ordnungsmacht zuwider waren. In diesen Momenten verkörperten die Beamten die Willkür des korrupten Staates. Er versuchte Ruhe zu bewahren und seine Situation möglichst pragmatisch einzuschätzen. Für den Polizisten war er höchstwahrscheinlich nur ein harmloser, betrunkener Ausländer, der kein Wort Russisch verstand. „Schönen Abend noch, auf Wiedersehen, passen Sie auf sich auf!“ würde der formale Abschied lauten. Er war Inhaber eines deutschen Passes und konnte erwarten, dass der Beamte ihm jeden Moment sein Dokument zurück geben würde. Kurz dachte Robert an die armen Gastarbeiter aus den zentralasiatischen Ländern, die sich im Gegensatz zu den Westeuropäern an jeder Straßenecke peinlichen und erniedrigenden Befragungen unterziehen mussten.

„Wo kommen Sie jetzt her?“ fragte der Polizist mit eindringlicher Stimme. „Hier hat sich ein Verbrechen ereignet.“ Roberts Verstand war schlagartig glasklar. Er schaute sich um und bemerkte ungefähr fünfzig Meter entfernt, im Licht einer Straßenlaterne, einen länglichen Plastiksack, der auf dem Asphalt lag. Zwei weitere Uniformierte knieten daneben und machten sich an dem Bündel zu schaffen. Die Szene wirkte wie in einem schaurigen Krimi. Der Schreck saß tief. Robert wurde klar, dass der Polizist ihn vielleicht für einen Beteiligten hielt. „Von einer Feier mit Freunden,“ entgegnete er. Als er sich selber sprechen hörte, bemerkte er, wie unsicher und brüchig seine Stimme auf einmal klang. „Ok, dann gehen wir jetzt zusammen genau zu dieser Feier zurück und überprüfen Ihr Alibi,“ antwortete der Polizist. Jetzt steigerte sich Roberts Unbehagen zu Panik. Vor seinem inneren Auge entstanden furchteinflößende Bilder: Streifenpolizisten platzen in Elenas Wohnung, Erik, Grischa und die anderen sitzen gemütlich in der Küche, jemand zieht sich eine Portion Koks durch die Nase. Schwerer Drogenmissbrauch - alle werden sofort mitgenommen. Fieberhaft suchte Robert nach einem Ausweg. Wenn er Elena nicht vorwarnen konnte, musste er den Gang zurück mit dem Polizisten unbedingt verhindern.

Sofort kam Robert eine passende Idee. „Alles klar, ich rufe kurz die Gastgeberin an und sage Bescheid,“ entgegnete er und versuchte, sein Zittern zu verbergen. Doch der Polizist zerstörte seinen Plan. „Nein, wir wollen nicht, dass Sie jemanden informieren.“ Die Situation wurde immer aussichtsloser. Angst lähmte Roberts Gedanken. Er blickte über die Schulter zurück. Direkt hinter ihm lag das massive mehrstöckige Gebäude. Es gab vier Eingänge. Aber aus welcher Tür war er gekommen? Und befand sich die Wohnung in der zweiten oder in der dritten Etage? Robert konnte sich nicht erinnern. Niemals würde er den Weg zurück finden. „Ich weiß nicht mehr, wo im Haus genau die Wohnung ist.“ Das war die Wahrheit, doch er verstand, dass sich seine Aussage wie eine unglaubwürdige und erbärmliche Ausrede anhören musste. Jeden Moment würde der Polizist seine Kollegen rufen und ihn als möglichen Verdächtigen aufs Revier bringen lassen. Robert sah sich in Gedanken auf der Rückbank im Streifenwagen und im kahlen Befragungsraum der Polizeiwache. Grelles, flackerndes Neonlicht, ihm gegenüber auf der anderen Seite des Tisches mehrere ruppige Kommissare. Selten hatte sich Robert so alleine gefühlt. „Wäre ich doch nur auf der Party geblieben“, sagte er traurig und zerknirscht zu dem Polizisten. Mehr fiel ihm in dieser verzweifelten Lage nicht ein.

Doch dann ging plötzlich alles ganz schnell. Robert fasste seinen Entschluss und blickte dem Beamten kurz ins Gesicht. Er nahm wahr, dass dieser nur wenige Jahre älter als er war und trotz der Respekt einflößenden Uniform freundlich und sympathisch wirkte. Das machte es leicht. Robert hatte keine Wahl. Er zückte sein Handy. Zum Glück erschien Eriks Nummer noch im Display. Blitzschnell drückte er das grüne Wählsignal. Nach nur zwei Klingelzeichen nahm sein Freund ab. „Du, Erik, es ist was passiert, gib mir bitte Elena.“ Als Antwort ein kurzes „Ok.“ Robert hörte die Musik im Hintergrund, dann ein kurzes Rascheln in der Leitung. Wahrscheinlich strebte Eriks Drogenrausch gerade dem Höhepunkt entgegen. Würde er Roberts Anruf überhaupt ernst nehmen und nicht für einen verunglückten Einfall seines betrunkenen Kameraden halten? Und würde Erik Elena in der Gruppe schnell genug finden? „Robert, was ist los?“ Elenas dunkle Stimme erlöste ihn aus der entstehenden Unsicherheit. „Mich hat die Polizei angehalten. Vor dem Haus ist ein Mord passiert, und der Polizist hier will überprüfen, wo ich war und deine Wohnung sehen. Kannst du bitte kurz runter kommen?“ „Beruhig dich, alles klar!“ Robert legte auf und wich dem Blick des Polizisten aus. Dem Beamten blieb sowieso nicht viel Zeit zum Reagieren, denn bereits nach einem kurzen Moment öffnete sich im dritten Eingang die Tür. Elena kam ins Freie und stellte sich vor. „Guten Abend, ich bin Elena Pawlowa.“ Mit einer grazilen Bewegung reichte sie dem Polizisten die Hand. „Bei mir sind heute einige Freunde zu Besuch, wir haben es uns ein bisschen gemütlich gemacht. Robert war dabei.“ Elenas Auftritt war perfekt. „Sehr gut, zeigen Sie mir bitte die Wohnung und Ihre Dokumente,“ entgegnete der Polizist ohne weitere Erklärung. Souverän und selbstbewusst schritt Elena auf den Stufen voran. Die Wohnung befand sich im dritten Stock. Der Polizist trat ein, blieb aber im Eingangsbereich. Er schaute sich kurz um und blätterte durch Elenas Papiere. Zum Glück hatte sie alles parat: Pass und „Propiska“, die obligatorische Meldebestätigung. Robert wusste, dass diese längst nicht jeder Einwohner Moskaus für sein Domizil vorweisen konnte. Viele wohnten inoffiziell in ihren Apartments und kamen im Fall einer Kontrolle in große Schwierigkeiten. Das hätte an diesem Abend gerade noch gefehlt. Die Musik war jetzt leiser. Die übrigen Freunde verhielten sich völlig unauffällig. Vom Kokain war weit und breit nichts zu sehen. Niemals hätte der Beamte ahnen können, dass Sascha hier noch vor wenigen Augenblicken Kokslinien vorbereitet hatte. „Alles klar, danke sehr!“ Der Polizist rang sich ein Lächeln ab. Er gab Elena ihre Papiere und Robert seinen Pass zurück. Mit einem lauten Schlag fiel die Wohnungstür ins Schloss.

Roberts Erleichterung brach sich mit einem tiefen Seufzer Bahn. Er konnte sich nicht erinnern, jemals eine derartige verfahrene Situation erlebt zu haben. Ein betrunkener Deutscher in Moskau unter Mordverdacht – das kommt wirklich selten vor. Nach dem ersten Schrecken regte sich in Robert das Gefühl der Dankbarkeit. Ohne Elena und Erik wäre er aus dieser Lage nicht wieder heraus gekommen. Während er noch stammelte und nach passenden Worten suchte, drückte Elena ihm lachend ein kleines Glas in die Hand und schenkte ihm Wodka ein. „Entspann dich erstmal!“ Schon gesellten sich die anderen hinzu und wollten genau wissen, was passiert war. „So ist Moskau,“ sagte Robert, als er die unheimliche Begegnung zu Ende erzählt hatte. „Immer kommt alles anders als geplant.“ Erst einige Stunden später, im Morgengrauen, brach er zusammen mit den letzten Freunden auf und machte sich auf den Weg nach Hause.