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Wodka auf den Dächern von Sankt Petersburg

Zehn Touristen aus dem Münsterland standen auf dem Dach eines alten Wohnhauses in Sankt Petersburg. Vor ihnen entfaltete sich der Blick über die Stadt. In der Ferne thronte die mächtige Kuppel der Isaakskirche, etwas näher zeigten sich die repräsentativen Häuserzeilen des Newski Prospekts. Das Haus befand sich ganz in der Nähe des Moskauer Bahnhofs.

Es war Mitte Juni 2019. Die weißen Nächte strebten ihrem Höhepunkt entgegen. Der Leiter der Reise hieß Robert. Er hatte Geschichte und Russisch studiert und kannte sich in Russland sehr gut aus. Er war mit dem Praxisteam eines bekannten Zahnarztes aus Telgte unterwegs. Eine Woche lang hatten sie die Zarenstadt erkundet: Bootstour auf den Kanälen, Ballett im Marijnsikj-Theater, Ausflug nach Peterhof, Fahrt zum Piskarjowskoje-Friedhof mit den Gräbern der Blockade-Zeit. Einmal alle zwei Jahre lud der Zahnarzt seine Mannschaft zu einer Reise ein – um „Danke zu sagen“. Der Arzt und Robert kannten sich schon lange. Einmal, nach einer Routinekontrolle, hatte er gefragt, ob Robert den Trip nach Sankt Petersburg organisieren wolle. Robert freute sich über dieses Angebot und sagte zu. Schon oft hatten die beiden in der Praxis über Roberts Erlebnisse und Abenteuer in Russland geplaudert. Jetzt, während der Reise, gefielen Robert besonders die Abende, wenn sie in der Gruppe nach einem ereignisreichen Tag in einer gemütlichen Bar zusammensaßen und sich über ihre Eindrücke austauschten. Dann erzählte er von der Zeit in Russland und den vielen ungewöhnlichen Eigenheiten, die ihm bei seinen Aufenthalten im Land ans Herz gewachsen waren. Zum ersten Mal hörten die Gäste aus Deutschland vom Aberglauben, dass man sich in keinem Fall über die Türschwelle die Hand geben darf, weil das Unglück bringt.

Beim Planen der Reise war Robert im Internet auf die Tour über die Dächer gestoßen. Sofort wollte er diese Attraktion ins Reiseprogramm aufnehmen. Mit den Dächern verband ihn seine ganz eigene Geschichte. Er war schon mal hier oben gewesen, ebenfalls im Sommer. Damals war Robert Anfang zwanzig, Austauschstudent der Uni Bielefeld. Die Zeit verbrachte er meistens mit seinem Freund Sergej, den er auf einem der zwanglosen Treffen kennen gelernt hatte, die bei Studenten überall auf der Welt wahrscheinlich ähnlich ablaufen, in Küchen auf Wohnheimfluren oder in kleinen Zimmern in spärlich eingerichteten Apartments. Man trinkt, unterhält sich, im Hintergrund läuft Musik. Robert und Sergej trafen sich dauernd, stromerten stundenlang durch die Stadt, saßen an der Newa und redeten. Die schönsten und amüsantesten Begriffe der russischen Sprache lernte Robert von Sergej, wie zum Beispiel das kurze Wort Keks, mit dem die Russen nicht etwa ein kleines, süßes Gebäckstück, sondern einen Kuchen bezeichnen. An einem dieser schönen Abende waren sie mit ungefähr zehn anderen Leuten in der Küche einer Wohnung auf der Petrograder Seite. Irgendwann schlug Sascha, der Gastgeber, vor, aufs Dach des Hauses zu steigen. Er ging voran, die anderen folgten ihm, zuerst die Treppen hoch, dann kletterten sie mehrere rostige Leitern hinauf. Schon bald saßen sie oben, nebeneinander. Bierdosen wanderten durch die Reihe, eine Wodkaflasche ebenfalls. Zigaretten glühten, es war windig, Schultern und Knie berührten sich, jemand schrie und lachte, und Robert hörte immer wieder die liebevollen russischen Kosenamen: Mischa, Tanja, Serjoscha, Sascha… Jemand reichte ihm die Flasche, und er nahm einen Schluck. Nach unten blickte er nicht. Die schrägen Metallbleche des Daches würden keinen Halt bieten, wenn jemand einen falschen Schritt machte. Sein Herz klopfte bis zum Hals, und er konnte sich nicht erinnern, wie lange sie dort oben waren.

Robert kehrte oft in Gedanken zu diesem Moment zurück. Russland hatte sich in seinem Herz und in seinem Leben festgesetzt. Nach seinem Studium zog es ihn wieder nach Russland. Drei Jahre lebte er in Moskau und arbeitete für eine deutsche Firma. Das Gefühl der Freiheit, das er damals auf dem Dach verspürte, kam auch in Moskau zu ihm zurück, wenn er nachts betrunken, in strömendem Regen, über den Roten Platz nach Hause ging, im Winter mit seinen Freunden ins Eisloch sprang, und auf der Arbeit, wenn er auf der Baustelle war und einen der Arbeiter so fluchen hörte, wie es nur die Russen können.

Jetzt, im Juni 2019, sicherten Geländer und Plattformen den Rundgang der Gruppe aus dem Münsterland. Andrej, der Guide des kleinen Unternehmens, bei dem Robert die Tour gebucht hatte, zeigte ihnen verschiedene Sehenswürdigkeiten, hier ein Spähturm aus der Zeit der Blockade von Leningrad, dort ein modernes Hochhaus aus Glas und Stahl, das in der Sonne aufblitzte. Die Stimmung war prächtig. Die ängstlichen Teilnehmer in der Runde hatten ihre Höhenangst vergessen. Auch jetzt lachte jemand, und Robert fasste den Vorsatz, nach dem Rückflug neue Gruppen zu suchen, sie mitzunehmen und ihnen das Russland zu zeigen, das er kannte und liebte.