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Hakenkreuz und Davidstern

Robert und Sergej schlenderten über den „Platz des Widerstandes“ zum Moskauer Bahnhof. Es war ein wunderschöner Sommertag Mitte Juli. Robert blinzelte ins helle Licht. Sein Austauschsemester in Sankt Petersburg sollte noch ungefähr einen Monat dauern. Er genoss die trockene Luft, die angenehm warmen Temperaturen und den strahlenden Sonnenschein. Auch die Petersburger fühlten sich richtig wohl: Junge Frauen spazierten in kurzen Röcken, und einige temperamentvolle junge Männer hatten sich das T-Shirt gleich ganz ausgezogen.

So fröhlich und ausgelassen hatte sich Robert den Sommer in Russland nicht vorgestellt. Er freute sich: Sein Freund Sergej hatte ihn zu einem besonderen Erlebnis eingeladen. Auf die beiden wartete ein Wochenende auf der Datscha von Sergejs Familie, zirka 90 Minuten mit dem Zug von Sankt Petersburg entfernt.

Schon im Russischunterricht hatte Robert viel über die wichtige Rolle der Datscha im Leben der Russen gelernt. Es handelt sich um ein Gartenhäuschen mit kleinem Grundstück, das den Stadtbewohnern unter anderem zur Selbstversorgung mit eigenem Gemüse dient. Im Bahnhof kauften die beiden Studenten ein Ticket und bahnten sich ihren Weg zum grün lackierten Vorstadtzug, der „Elektritschka“. Im Wagon fanden sie nebeneinander Platz auf einer der geschwungenen Holzbänke. Ungefähr sechs Passagiere reihten sich auf jeder Bank aneinander. Frauen und Männer in fortgeschrittenem Alter machten den Großteil der Fahrgäste aus. Die Spaten, Hacken, Gießkannen und Eimer, mit denen sie ausgestattet waren, verrieten unmissverständlich den Zweck ihrer Reise. Anders als Robert und Sergej stand den Wochenendgärtnern auf ihrer Datscha allerdings ein schweißtreibendes und arbeitsreiches Wochenende bevor. Die meisten Frauen trugen ein farbenfrohes Kopftuch, ganz im Einklang mit dem verbreiteten Bild des russischen Großmütterchens, der Babuschka. Einige Familien mit kleinen Kindern und allein reisende junge Erwachsene befanden sich ebenfalls im Wagon. Der Zug setzte sich ruckelnd in Bewegung, durch die offenen Fenster strömte der Sommerwind und brachte den Reisenden endlich die lang ersehnte Abkühlung.

Der Zug ließ die letzten quaderförmigen Plattenbau-Hochhäuser der Petersburger Vorstädte hinter sich. Robert schaute verträumt aus dem Fenster. Weite Graslandschaften breiteten sich aus, hier und da von herunter gekommenen Fabrikgebäuden und kleinen bunten Holzhäusern unterbrochen. Plötzlich bannte ein unverhältnismäßig großes Grafitti an der Wand eines frei stehenden Hauses Roberts Blick. Der Zug fuhr langsam und in gerader Linie an dem Gebäude vorbei. An der Wand prangte ein riesiges Hakenkreuz, gerahmt von einem russischen Slogan. Robert hatte genug Zeit, um die kyrillischen Buchstaben zu entziffern, aber er verstand den Sinn der Wörter nicht. Reflexartig stieß er Sergej sanft in die Seite, zeigte nach draußen und sprach mit lauter Stimme den unbekannten Satz aus. So war es immer, wenn die beiden in Sankt Petersburg spazieren gingen: An jeder Straßenecke fragte Robert nach den Begriffen und Bedeutungen der bunten Reklameposter. „Sergej, schau, das Hakenkreuz! Und daneben: Zhydy w petschku – was bedeutet das?“ Aus Sergejs Blick sprach pures Entsetzen. Er legte den Zeigefinger vor den Mund, um Robert zum Schweigen zu bringen. Offensichtlich stellte das Grafitti eine massive Provokation dar. Trotz des unangenehmen Gefühls spürte Robert, dass sein Begleiter ihm die verwirrende Situation erklären wollte. Sergej antwortete mit leiser, aber fester Stimme: „Weißt du, Robert, „Zhydy“ ist ein Schimpfwort für die Juden. Und „w petschku…“ Er musste nicht weiterreden. Robert hatte verstanden. „Die Juden in den Ofen“. Wie ein Blitz schlug der ganze Sinn der Zeichnung in Roberts Verstand ein. Noch während sich die Schockwellen des Erlebnisses in Robert ausbreiteten, fiel sein Blick auf eine junge Frau, die ihm direkt gegenüber saß. Ihre Wangen waren hochrot. Sie blickte starr aus dem Fenster, und presste ihre Lippen zusammen, als sei sie zutiefst verletzt. Ein Anhänger baumelte an einer feingliedrigen Kette an ihrem Hals – es war ein Davidstern. Augenblicklich explodierte in Robert ein zweites Mal die Scham darüber, diesen ungeheuerlichen Satz laut ausgesprochen zu haben. Sergej schien genauso peinlich berührt und starrte vor sich auf den Boden.

Robert nahm wahr, dass die anderen Fahrgäste in ihrer Bank den Vorfall ebenfalls mitbekommen hatten. Doch schon nach einigen Sekunden löste sich die Anspannung unter den Reisenden. Wahrscheinlich hatten sich die Menschen im Abteil ein ziemlich genaues Bild seiner Situation gemacht: Er war ein naiver junger Ausländer, der die russische Sprache noch nicht vollständig beherrschte und wenig über die provokanten und skandalösen Schmierereien wusste, die an Hauswänden, Metroeingängen und Bushaltestellen vielerorts zu finden waren. Robert stammelte ein unbeholfenes „Entschuldigung“ in Richtung der jungen Frau. In seinem Kopf tobte ein Sturm der Gedanken. Er hatte noch nie eine so heftige und eindeutige Verherrlichung des Holocaust gesehen. Seine Vermieterin Ljudmila fiel ihm ein, die sich gerne mit ihm unterhielt und die führenden Politiker und schillernden Geschäftsmänner der Oligarchenwelt oft als „Jewrei - Juden“ verunglimpfte. Mehr noch wunderte er sich über den unglaublichen Zufall, dass ihm gerade jetzt, in dieser Situation, ein jüdisches Mädchen gegenüber saß. Er entschuldigte sich nochmals bei der jungen Frau und erfuhr, dass sie Maria hieß und noch vor kurzem ihre Großeltern in Deutschland besucht hatte.
Die Fahrt zum Ziel dauert noch zirka eine halbe Stunde. Sie erreichten den Bahnhof und wanderten einen Feldweg hinauf. Nach einiger Zeit erschienen die niedrigen Dächer der kleinen Datschensiedlung vor ihnen. In Roberts Kopf formten sich endlich Worte. Noch während Sergej die Tür aufschloss und seinen Rucksack in die Ecke stellte, fragte Robert, wer in Russland solche Parolen verbreitet, und warum, und was normale Leute darüber denken.